Schloss Dornburg an der Elbe
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Zur Vorgeschichte und zum Bau
der Dornburger Schloss- und Dorfkirche

von Stefan Schüler1

Dieser Beitrag erschien in der Festschrift zum 250. Kirchweihjubiläum in Dornburg, 2008
zuletzt aktualisiert 2010

Die Vorgeschichte
Während die Dornburger Gemeinde im Jahre 2008 ihr 250. Kirchweihjubiläum begeht, stehen in den Nachbarorten Kirchen, die bis in die Romanik zurückweisen. In diese Zeit fallen auch die urkundlichen Erwähnungen von 1155 und 1157, die man sicher Dornburg an der Elbe zuordnen kann.2 Hier dürfte damals ebenfalls ein Gotteshaus gestanden haben, auch wenn erst 1301 ein Pfarrer genannt wird.3 Johann Christoph Beckmann schreibt in seiner "Historia des Fürstenthums Anhalt", dass die alte Burg an der Elbe (später Standort der Ziegelei) in der Mitte des 15. Jahrhunderts zum Raubritternest verkommen war und zerstört wurde.4 Den neuen Besitzer bezeichnet dieselbe Chronik als "Schminck oder vielleicht Scheningk". Eigentlich wollte er die zerstörte Wehranlage wieder aufbauen, hat "inzwischen aber mit den Seinigen in der Kirche gewohnet" und daneben neue Gebäude errichtet.4 Später hat Statius von Münchhausen (1555-1633) die Kirche erneuern lassen.5 Für das Ende des 17. Jahrhunderts vermeldet Beckmann wieder Bautätigkeiten auf dem jetzigen Schlossberg. Die bei diesen Arbeiten gefundenen Gebeine führten zu der Vermutung, dass dieser Ort lange als "Kirch-Hof" genutzt worden war. Einen weiteren Hinweis darauf gibt der Name des angrenzenden Altwassers, das schon damals "Kirchen-See" genannt wurde.4


  Abbildung 1: Dornburg kurz vor 1710
  (Ausschnitt, Gebäudebezeichnungen von S. Schüler eingefügt)


Beckmann liefert uns auch die erste Ansicht Dornburgs (Abbildung 1). Für die Zeichnung war Johann Tobias Schuchardt 1709/1710 bezahlt worden.6 Mit Hilfe eines etwa 20 Jahre jüngeren Lageplans des Landesbaumeisters Johann Christoph Schütze7 können wir einigen Gebäuden ihre Position zuordnen. Der hier genannte "alte Thurm"7 stand demnach etwa 15 m vor dem Mittelbau des heutigen Schlosses und hatte keine Verbindung zu dem Bauteil, das Schütze als "der alte und Kirchflügel"7 bezeichnet. Dieses Gebäude (nach Schuchardt mit hohem Dach) auf rechteckigem Grundriss erstreckte sich in Ost-West-Richtung und befand sich auf der südlichen Seite des heutigen Schlosshofs. Es ist unwahrscheinlich, dass es sich hierbei um einen mittelalterlichen Kirchenbau handelt, da ein solcher eher von Nord(turm) nach Süd(chor) verlaufen wäre. Nach den Dornburger Kirchenrechnungen erhielten im Jahre 1700 Maurer, Zimmerleute und Glaser insgesamt 16 Taler für Umbauarbeiten.8 In den Folgejahren wurden Fußboden und Fenster ausgebessert und neue Kirchenstühle aufgestellt.9 Im Turm können wir einen Glockenstuhl annehmen, da der Dornburger Pfarrer Körner am 16. August 1709 achtzehn Taler für eine Glocke bezahlt, "welche aber auf acht Tage nach Michael. wiederum zersprungen Kälte"10 Deshalb wurde im Folgejahr in Magdeburg ein Neuguss unter Verwendung des alten Materials angefertigt, der noch heute erklingt.10

In den Jahren nach 1728 wurden durch Johann Christoph Schütze der Turm und die alte Kirche abgerissen. Ein Neubau entstand gegenüber an der Nordseite des jetzigen Schlosshofs. Noch 1731 mussten vorerst Bretter statt eines Daches über das neue Gotteshaus gelegt werden.11 Zwei Jahre danach berichtet J. G. Kemmeder,12 dass Hofmaurermeister Erler mit 4 Gesellen bei Gipsarbeiten an der Kirchendecke beschäftigt ist. Ab 1734 werden hier Kanzel, Altar und Orgelgehäuse vom Hoftischlermeister Christian Öhlschläger nach Entwürfen des Baumeisters Schütze angefertigt.13 Im Mai 1736 beginnt der damals renommierte Orgelbauer Caspar Sperling seine Arbeit.14 Schon im folgenden Jahr wurde die Kirche am 14. Oktober eingeweiht.15 Das bis heute erhaltene Geläut, 1722 um die größere Glocke erweitert, muss auf einen pavillonartigen Anbau am Kirchflügel umgezogen sein. Für den gegenüberliegenden, wohl dazu symmetrischen, Bau wurden bei der Firma Weinholdt in Dresden 2 Glocken bestellt16 und im Rechnungsjahr 1738/39 geliefert.17 Diese wurden wohl am 28. Juli 1750 vernichtet, als der Schlossbrand hier seinen Anfang nahm.18


Die Baugeschichte der heutigen Kirche
Friedrich Joachim Stengel (1694-1787)
Der in Zerbst geborene Architekt war seit 1733 in den Diensten der Fürsten von Nassau-Usingen. Nach einer Landesteilung wurde er vor allem mit Bauaufgaben in Saarbrücken betraut. Obwohl er dort nicht unter Arbeitsmangel litt, übernahm er gern den Dornburger Schlossneubau in der Heimat. 1751 weilte er zum ersten Mal hier, um das Graben der Fundamente für den Schlossneubau persönlich zu überwachen.
19 Schon jetzt war absehbar, dass der vom Brand verschonte Kirchflügel die Ansicht des neuen Schlosses verderben würde, da er dessen nördliche Hälfte teilweise verdeckte und die Symmetrie zerstörte. Sein Abriss dürfte beschlossen gewesen sein. In den Aufrisszeichnungen des Schlossbaus, die Professor G. K. Smirnov in der Eremitage von St. Petersburg entdeckte, hat die Bauherrin, Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst, eigenhändig die geplante Verwendung der Räume vermerkt, ein solcher mit sakraler Bestimmung ist nicht zu finden. Es war also von Anfang an daran gedacht, ein neues Kirchengebäude zu errichten. Warum hätte man Stengel nicht in dessen Planung einbeziehen sollen, obwohl er mit dem Gesamtprojekt und den Örtlichkeiten vertraut war? Ein sofortiger Baubeginn war wohl nur deshalb ausgeschlossen, da man momentan alle Ressourcen für das Schloss benötigte. Stengel erschien im Folgejahr nochmals in Dornburg. Seine für 1753 geplante Reise nach Anhalt-Zerbst sagte er aus gesundheitlichen Gründen ab. Es ist nicht auszuschließen, dass sich Bauherrin und Baumeister erst jetzt, oder gar noch später, konkreten Kirchenplanungen widmen wollten, zumal der alte Bau noch genutzt werden konnte.

Carl Wilhelm Christ
Nach seinem ersten Besuch in Dornburg betonte Stengel, dass der zur "Steinhauer Arbeit an der freyhangenden Treppe mit anhero gebrachte und auf Hochfürstl. gnädigsten Befehl zurückgebliebene Steinhauer und Maurer Carl Wilhelm Christ ... vermöge meiner ihme bekannten Bau-Art alles tüchtig und gut verfertiget werde und er mir von allen Vorfallenheiten wenigstens alle 14. Tage, den richtigen Rapport schriftl. abstatte".
20 Schon im Jahr darauf setzte sich der Architekt dafür ein, seinen Favoriten zum Hofmaurermeister zu ernennen, obwohl dieser zuerst seine Meisteraufdingung nachholen musste.21 Leider wissen wir über Carl Wilhelm Christ nur wenig. Im Kirchenbuch von St. Bartholomäi in Zerbst lesen wir, dass er dort am 8.5.1752 geheiratet hat und sein Vater Kastellan in Ansbach war.

Von 1752 bis 1754 leitet Stengel das Baugeschehen am Schloss nur noch von Saarbrücken aus, oft indem er Schreiben seines vertrauten Maurermeisters beantwortet. Am 30. November 1754 fragt Christ bei der Kammer in Zerbst nach, "ob die Kirche soll abgebrochen werden, und wan solte angefangen werden, und wohin man die Stühle Kanzel und was sonst in der Kirche in Verwahrung bringen soll".
22 Mit dem Abriss des Gotteshauses wurde bald begonnen, da die Tischler Gauß und Wicke noch im Rechnungsjahr 1754/55 dafür bezahlt werden, "den Ornat, Canzel, Altar, Stühle, Bäncke, Fußboden und alle Tischler=Arbeit abzubrechen, auch die Fenster auszunehmen und zum Gebrauch in unser neuen Kirche, in Verwahrung zu bringen".23 Diese Maßnahme muss nicht auf Sparzwängen beruhen, sondern könnte auch geschehen sein, weil gutes Material schwer zu beschaffen war, zumal der Schlossbau dieselben Ressourcen beanspruchte. Außerdem waren die genannten Ausstattungsstücke ja gerade erst 20 Jahre alt.

Abbildung 2: Blick nach Südosten auf die beiden Emporen. In der Brüstung sind die Kassetten unsymmetrisch und ohne Flucht angeordnet. Die kleineren waren wohl vor den Fenstern und die größeren in den Zwischenräumen der alten Schlosskirche angebracht. Insgesamt lässt die heutige Situation darauf schließen, dass der abgerissene Bau nur eine Empore hatte, aber etwa doppelt so lang war.
Foto: S. Schüler






Die Abbrucharbeiten müssen sich durch das ganze Jahr 1755 gezogen haben. Erst 1756 schreibt der Kontrolleur Vogel: "Der Knopf mit der Fahne und Holmstange ist den 9. Februar abgenommen im Beÿsein des Amtverwalters Dörfling, in dem Knopf aber ist nichts gefunden, und ist solches in dem Gewölbe wo das Leine-Oehl liegt verschlossen."
24

Carl Wilhelm Christ erhielt im Mai 1755 den Auftrag, die neue Kirche "nach dem ... ihm zugestellten Riß tüchtig ... auf zu mauern".
25 Leider sagt dieses Schreiben nichts über den Urheber des Risses, außer dass derselbe nicht zwingend Herr Christ gewesen sein muss. Ein Jahr zuvor entwarf er eine Eisgrube am Schloss und erhielt "die davon eingesandte Zeichnungen ... wieder zurück"26 (Unterstreichung von S. Schüler). 1753 hatte man dem frisch bestallten Hofmaurermeister nicht einmal den Anbau einer Wagenremise in Zerbst zugetraut. Die Planung sollte ausdrücklich ein Baumeister besorgen und die entsprechende Anweisung war eindeutig: "Ist vor erst bis Stengel kommt dabey zu bewenden".27 Andererseits zeigt das Dokument auch, dass in Zerbst kein Bausachverständiger greifbar war.

Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst (1712-1760)
Die geborene Herzogin von Holstein-Gottorp heiratete im Alter von 15 Jahren den damals 36jährigen Christian August von Anhalt-Zerbst-Dornburg (1690-1747). Sie brachte exzellente Familienbeziehungen in die Ehe ein. Ihr Neffe war der russische Thronfolger Karl Peter Ulrich (1728-1762) und ihr Bruder Adolf Friedrich (1710-1771) wurde König von Schweden. Letztlich gaben diese Verwandtschaftsverhältnisse den Ausschlag für Johanna Elisabeths größten Triumph, die Hochzeit ihrer Tochter Sophie Friederike Auguste (1729-1796, ab 1762 Zarin Katharina II.) mit dem zukünftigen Zaren Peter III. Jetzt war sie Mitglied einer kaiserlichen Familie, obwohl sie in Russland äußerst ungeschickt taktiert hatte und in Ungnade gefallen war. Nach dem Tode ihres Mannes (1747) übernahm sie die Regierung des Fürstentums für den noch minderjährigen Sohn Friedrich August (1734-1793). Zur Zeit des Schlossbrandes (1750) konnte sie also relativ ungehindert über den Landesetat verfügen und so den neuen Witwensitz in Dornburg durchsetzen. Der Geheimrat Bollhagen wagte es trotzdem, seiner Fürstin Verschwendung vorzuwerfen.
28 Nachdem sie 1752 die Regierungsgeschäfte dem Sohn übergeben hatte, schenkte man ihr das Gut Dornburg zum 40. Geburtstag und bezahlte weiterhin die Baurechnungen. Allerdings schien die Rechnungskammer nun mehr als zuvor der Johanna Elisabeth auf die Finger zu schauen. Noch immer trifft sie alle Entscheidungen bezüglich der Bautätigkeiten in Dornburg, betont aber gegenüber den Beamten gern, dass der regierende Fürst gleicher Meinung sei (siehe unten). Vielleicht führte diese geänderte Finanzlage dazu, dass neben einem überdimensionalen Witwensitz eine nüchterne Kirche entstand. Maurermeister Christ hatte allen Grund zu seiner vorsichtigen Anfrage, ob er den funktionstüchtigen Sakralbau abreißen solle, nur weil er die Symmetrie des Schlosses stört. Da zu dem Thema keine Diskussion im umfangreich erhalten Aktenmaterial zu finden ist, können wir davon ausgehen, dass Abbruch und Neubau schon lange beschlossen waren.

Am 5. April 1755 überreicht die Kammer Zerbst der Fürstin Johanna Elisabeth Zeichnungen für das neue Gotteshaus und schlägt vor, "daß die Kirche mit dem Thurm in der Elb=Gaße und zwar Letztere mit der Facade nach dem Dorffe hinein an Bestem zu stehen kommen würde".
29 Es ist ungewöhnlich für ein barockes Gesamtkunstwerk, ein fertig geplantes Teilstück solange zu drehen, bis die Ansicht am gefälligsten erscheint. Diese Vorgehensweise lässt vermuten, dass der eigentliche Planer den genauen Standort nicht kannte. Der Maurermeister Christ arbeitete nun schon lange genug in Dornburg. Wären die genannten Risse von ihm, dann hätte man auch früher das nicht unbedeutende Problem klären können. Seit Jahren war in Zerbst kein Hofarchitekt mit festem Salär mehr bestallt und in den penibel geführten Rechnungsbüchern tauchen keinerlei Zahlungen an einen Bauspezialisten auf. Entweder wurde ein alter Plan aus dem Schreibtisch geholt oder der Hinweis auf den Turmstandort war nur für die Fürstin gedacht, da sie momentan nicht im Bilde war. Allerdings zeigt diese sich im gleichen Schreiben bestens informiert und genehmigt die eingereichten Arbeiten. Außerdem "finden so wohl mein Her Sohn, so wie ich, nur zu errinnern, daß der kleine absatz, worinnen ohne Zweifel die Sacristey wirdt kommen sollen, gantz wirdt in die Höhe geführet werden."29 Diese schwerwiegende Änderung ruft sie den Ausführenden nur ins Gedächtnis zurück! Sie war mit den Beamten der Rechnungskammer oder dem Maurermeister schon ausdiskutiert worden. Wenn Carl Wilhelm Christ die ursprünglichen Entwürfe lieferte, dann hätte er sie doch vor dem Einreichen verbessern müssen. Die Konsequenzen der Variation werden im Innern besonders deutlich. Im hinzugewonnenen Raum ist nicht nur der Aufgang zur 2. Empore, sondern auch die Orgel untergebracht. Nun steht das Musikinstrument zwar über dem Kanzelaltar, was für protestantische Kirchen typisch ist, wird aber von der Brüstung und einem Stützbogen weitestgehend verdeckt (Abbildung 3). Außerdem ragen einige Pfeifen in den Dachbereich hinein. Dieser Zustand erscheint unverständlich und entstand vielleicht erst durch einen späteren Umbau der Orgel. Bis zum Nachweis eines solchen müssen wir aber davon ausgehen, dass die Situation so geplant war, da das Orgelgehäuse für diese Kirche neu angefertigt wurde.30 Gottfried Leuschner aus Dessau fügte bis zum September 1756 das eigentliche Instrument ein, wofür er fast ausschließlich die Teile der alten Orgel von Caspar Sperling nutzen konnte.31

Carl Wilhelm Christ hatte bereits beim Schlossbau einige schlechte Erfahrungen mit der Bauherrin gesammelt. Johanna Elisabeth greift gern persönlich ein. So ordnet sie im März 1756 an, "daß die Neue Kirche und der Thurm zu Dornburg, mit eben der Farbe wie das Hochfürstl. Wittums Residenz Schloß daselbst äusserlich abgepuzet werden solle".
32 Eine Maßnahme, welche die Zugehörigkeit des Gebäudes zum barocken Gesamtensemble unterstreicht.

Abbildung 3: Kanzelaltar und verdeckte Orgel
Foto: H.-C. Dittscheid


Alle Zimmerarbeiten am neuen Gotteshaus übernahm Johann Nicolaus Mockert.
32 Bereits 1756 hatte Christoph Victor Rummel die Uhr eingebaut. Der Entwurf des Zifferblattes blieb erhalten.32 Die geborgene Wetterfahne erhielt die Initialen JE für Johanna Elisabeth und FA für Friedrich August.32 Bevor man sie auf den Neubau setzte, wurden Knopf, Fahne und Namenszüge vergoldet.32 Im Rechnungsjahr 1756/57 erhielt der Tischler Gauß 77 Taler, um "das Holtzwerck aus der vorigen in die ietzige Kirche zu bringen und alles in gehörigen Stand zu setzen",33 womit das Gotteshaus eigentlich nutzbar war. Tatsächlich werden 1758 nur noch kleinere Beträge gezahlt. Aus den Kammerrechnungen ist nicht ersichtlich, ob die Handwerksleistungen nicht schon vorher erbracht wurden. Warum weiht man die Kirche erst im September 1758 ein?

Schon oft musste der "Siebenjährige Krieg" (1756-1763), der in Anhalt-Zerbst großen wirtschaftlichen Schaden anrichtete, als Begründung für die kleinen Abmaße und die Schlichtheit des Baus herhalten. Als die preußische Armee im August 1756 die Grenzen Sachsens überschritt, war das Kirchenäußere aber schon vollendet und der Einbau der alten Tischlerarbeiten lange beschlossen. Obwohl im Folgejahr die meisten deutschen Länder schon zum Kriegsgebiet zählten, ging der Schlossbau in Dornburg ohne jegliche Sparmaßnahmen weiter. Anhalt hatte sich zu Neutralität verpflichtet und die Fürstin glaubte wohl, sich im Ernstfall auf die Hilfe Russlands verlassen zu können, dessen Armee bereits in Ostpreußen operierte. Nun beging sie einen verhängnisvollen Fehler. Sie empfing den von Frankreich gesandten Marquis de Fraigne so freundlich, dass man schon von Liebe sprach. Der junge Mann hatte u. a. die Aufgabe, die nahegelegene preußische Hauptfestung Magdeburg auszuspionieren, was dem König von Preußen nicht lange verborgen bleiben konnte. Dessen eindringliche Bitten zur Ausweisung oder Übergabe des Franzosen wollte auch der regierende Fürst Friedrich August nicht erfüllen. Die eklatante Verletzung der Neutralität konnte Friedrich II. von Preußen eher Recht sein, da er nun nicht nur den Spion, sondern auch andere kriegswichtige Sachen aus Anhalt holen konnte. Johanna Elisabeth und ihr Sohn verließen im März 1758 Zerbst, wobei die Flucht der Mutter erst in Paris endete. Vielleicht zögerte man in Dornburg mit der feierlichen Kircheneröffnung, um die Rückkehr der Bauherrin abzuwarten. Wer wollte schon daran glauben, dass Preußen noch lange den Angriffen von drei europäischen Großmächten standhalten sollte.

Am Sonntag, dem 3. September 1758 wurde das neue Gotteshaus eingeweiht. Zu den drei Tage währenden Feierlichkeiten ist nicht viel überliefert. Die Kammer Zerbst bezahlte "poetische Texte zur Musique bey Einweyhung der Dornburgl. Kirche, dem Custodi Ulischen".
34 Außerdem fanden Taufen und Trauungen statt35 und der Pfarrer Andreas Friedrich Körner vermerkt 5 Taler für "Unkosten bey feierl(icher) einweihung hiesiger Kirche. d(ie) Gäste i(n) d(er) Pfarrwohnung zu speisen."36
 
Leonhard Christoph Sturm (1669-1719)
Entstanden war ein recht kleiner aber moderner Kirchenbau, in welchem die Ideen des damals weitbekannten Architekturtheoretikers Leonhard Sturm verwirklicht wurden. Seine Entwürfe zeigen das ideale Verhältnis zwischen Gemeinde, Fürstenloge und Predigtstuhl für protestantische Sakralbauten. Altar, Kanzel (oft vereinigt) und Orgel werden übereinander angeordnet. Der, im Gegensatz zur katholischen Religion, stärker betonte gemeinsame Gesang kann durch einen Chor und Instrumentalisten auf der 2. Empore unterstützt werden. Von allen Sitzplätzen aus ist Sichtkontakt zum Pfarrer garantiert, weshalb der Fürstenstuhl gegenüber und auf gleicher Höhe der Kanzel angeordnet wird.
Durch seine Schlichtheit lässt das Gotteshaus eher an eine reformierte Gemeinde denken, obwohl die Anhalt-Zerbster Herrscher 1644 wieder zum lutherischen Glauben übergetreten waren und die Bauherrin auch streng in dieser Richtung erzogen wurde. Allerdings hatten die Fürsten den Anhängern des anderen protestantischen Zweiges Glaubensfreiheit garantiert und die Gegensätze waren im 19. Jahrhundert so gering geworden, dass eine unierte evangelische Kirche entstand.

Friedrich August von Anhalt-Zerbst (1734-1793)
Johanna Elisabeth war 1760 in Paris verstorben. Preußen entging der Niederlage im Siebenjährigen Krieg vor allem durch den Tod der Zarin Elisabeth Petrovna (1709-1761). Ihr Nachfolger, Peter III., ließ aus Verehrung für den Preußenkönig alle Kampfhandlungen einstellen, zog damit den Groll der russischen Patrioten auf sich und wurde von seiner Frau gestürzt. Somit herrschte die Schwester des Zerbster Landesherrn über das größte Reich der damaligen Weltordnung. Trotz der völlig veränderten politischen Situation ließ sich der regierende Fürst nicht dazu bewegen, in sein Land zurückzukehren, wobei anzuzweifeln ist, inwieweit er geistig in der Lage gewesen wäre, es zu verwalten. Schon 1820 gibt Professor Stenzel in seinem "Handbuch der Anhaltischen Geschichte" zu, "daß der Fürst wirklich von Natur nicht begabt war mit durchdringendem und starkem Verstande".
37 Vielleicht ließ solche ungewöhnlich harte Kritik schon die Zeitgenossen am Gottesgnadentum der Herrschenden zweifeln. 1766 mussten 10 Gitter vor die Kirchenfenster gesetzt werden, da eingebrochen worden war.

Bis heute ungeklärt bleibt auch, wer im Schloss wohnte und genug Einfluss besaß, dort einen eigenen Gottesdienst durchzusetzen. Auf jeden Fall ordnet Friedrich August 1776 folgendes persönlich an: "Wegen Dornburger Schlosskirche Gottesdienst, Sonntag Morgens, alle 8 Tage zu wechseln, mit Dorfkirche auch Nachmittags alle 8 Tage zu wechseln, so, daß so des Morgens Gottesdienst im Schloß Nachmittags es seÿ in Schlosskirche. Die Wochen Gottesdienste einmahl ums andere in Schlosskirche und Dorfkirche, die Festtage so in der Woche fallen etwa, einmahl ums andere in Schlosskirche und Dorfkirche, auch wegen Communion und übrige Kirchen-Actus zu wechseln, einmahl ums andere in Schlosskirche und Dorfkirche."
38 Der unmissverständlich aber umständlich formulierte Text räumt die letzten Zweifel am Verstand des Fürsten aus und sorgt nicht nur bei uns für Verwirrung. Den Herren vom Konsistorium ist nämlich "von einer besonderen Kirche in dem Dornburgischen Schloße nichts bekannt", außerdem hätten sie dieselbe gern festlich eingeweiht.39 Tatsächlich wurde jetzt die Galerie an der Südseite des Schlosses kirchlich genutzt. Die extra eingebaute, beheizbare Fürstenloge, in der schon die große Katharina betete, als sie noch klein war, wurde von keinem Herrscher betreten. Vielleicht blieb hier gerade deshalb das Parkett, welches nach den Entwürfen von Friedrich Joachim Stengel entstand, erhalten.40
Bis zum Tode des Friedrich August tauchen keinerlei Ausgaben mehr für die Dornburger Kirche in den Rechnungen der Zerbster Kammer auf. Was heute auf Vernachlässigung schließen lässt, sorgte letztendlich dafür, dass so viel Originalität aus dem 18. Jahrhundert auf uns kam. Hoffentlich können dies noch viele Generationen genießen.

Anmerkungen und Quellen
  1. Anlässlich des 240. Kirchweihjubiläums erschien im Jahre 1998 der Aufsatz „Zur Vorgeschichte und zum Bau unserer Kirche“ von Erhard Micklisch †. Inzwischen konnten wir weitere Archivalien einsehen, die eine Aktualisierung der Arbeitsergebnisse erfordern. Erhard Micklisch hatte dies geplant, konnte es aber leider nicht mehr selbst ausführen. Besonderer Dank gilt außerdem Frau Oranna Dimmig aus Berlin und Herrn Professor Hans-Christoph Dittscheid aus Regensburg.
  2. Dr. Otto von Heinemann: Codex Diplomaticvs Anhaltinus, A. Desbarats – Dessau, 1867, Nr. 412 und 441
  3. Riedel, Adolph Friedrich: Codex diplomaticus Brandenburgensis, Bd. 24, G. Reimer – Berlin, 1863, S. 343. In zwei Urkunden aus dem Jahre 1301 wird ein "boldewinus, plebanus in dorneborch" bzw. ein "Boldewinns, plebanus In dorenborch" genannt.
  4. Johann Christoph Beckmann: Historia des Fürstenthums Anhalt, Zerbst 1710, S. 345f
  5. Entsprechend der Leichenpredigt von 1633 hat Statius von Münchhausen "... zur Ehre Gottes 9 Kirchen new erbauet und zwei Kirchen renovieren lassen, die eine auff dem Hause Dornburg...", freundlicher Hinweis von Professor Bernd Krämer, Grünenplan
  6. Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Nebenstelle Dessau (LHASA, DE), Kammerrechnungen Zerbst, 1709/10
  7. Situationsplan des Schlosses Dornburg, beschriftet von J. C. Schütze, kurz vor 1728. Graphische Sammlung der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau (Schloss Georgium)
  8. Dornburger Kirchen-Rechnung 1700-1800, S. 13 
  9. Dornburger Kirchen-Rechnung 1700-1800, S. 15, S. 59 und S. 67
  10. Dornburger Kirchen-Rechnung 1700-1800, S. 68 bzw. 77
  11. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 483, Folio 10
  12. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 6427, Folio 1 und 2, Johann Georg Kemmeter war preußischer Baudirektor und Lehrer des Georg Wenzelslaus von Knobelsdorff und erbaute ab 1734 Schloss Rheinsberg.
  13. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 3495, Folio 13, LHASA, DE, Facharchiv Zerbst, Fach 94, Nr. 11, Folio 15 und LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 3495, Folio 14 – 15
  14. vgl. Erhard Micklisch: Caspar Sperling, ein Orgelbauer – „dessengleichen nicht leicht zu finden“. In: Zerbster Heimatverein (Hrsg.). Zerbster Heimatkalender 2005 - Zerbst, 2004
  15. Samuel Lentz: Becmannus enucleatus, suppletus et continatus oder Historisch-Genealogische Fürstellung des Hochfürstlichen Hauses Anhalt und der davon abstammenden Marggrafen zu Brandenburg, Herzöge zu Sachsen und Sachsen-Lauenburg. Cöthen und Dessau 1757, S. 943
  16. Kammer Zerbst, Nr. 3495, Folio 19 Vorderseite 
  17. LHASA, DE, Kammerrechnungen Zerbst, 1738/39, Seite 224: "2 Taler 6 Groschen wegen der herunter gebrachten beÿden Glocken von Dreßden dem Stein Schifffer Mützen"
  18. Samuel Lentzens Diplomatische Fortsetzung und zum Theil Ausbesserung von Friedrich Lucä Grafen-Saal ..., Johann Andreas Bauer – Halle, 1751, S. 195
  19. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 2367/1, Folio 8
  20. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 1523, Folio 102 und 103
  21. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 1509, Folio 33 und 34
  22. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 3491, Folio 1
  23. LHASA, DE, Kammerrechnungen Zerbst, 1754/55, Seite 235
  24. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 1510, Folio 25
  25. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 3491, Folio 5
  26. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 2367, Folio 40 Vorder- und Rückseite 
  27. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 2821, Folio 98 Vorderseite 
  28. LHASA, DE, Facharchiv Zerbst, Fach 110, Nr. 12 
  29. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 3491, Folio 4 
  30. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 3491, Folio 25 und LHASA, DE, Kammerrechnungen Zerbst, 1756/57, Seite 243
  31. siehe Anmerkung 16
  32. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 3491, Folio 9-32
  33. LHASA, DE, Kammerrechnungen Zerbst, 1756/57, Seite 243
  34. LHASA, DE, Kammerrechnungen Zerbst, 1758/59, Seite 253
  35. Eintragungen vom 03.09.1758 in den Registern für Taufen und Trauungen, Archiv der Kirche in Dornburg an der Elbe, Nr. 1, 1660 – 1784, o. S. (Das Register wurde von Familie Eva und Rolf Bröcker aus Dornburg anlässlich des 240. Kirchweihjubiläums durchgesehen.)
  36. Dornburger Kirchen-Rechnung 1700-1800, S. 389
  37. Gustav Adolf Harald Stenzel: Handbuch der Anhaltischen Geschichte – Dessau, 1820
  38. LHASA, DE, Konsistorium Zerbst, IX f Nr. 1, Folio 39
  39. LHASA, DE, Konsistorium Zerbst, IX f Nr. 1, Folio 38 und 41
  40. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 1509, Folio 43

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