Schloss Dornburg an der Elbe
Geschichte Baumeister Hilfe! Galerie Download Stengel Gesellschaft Öffnungszeiten Impressum
Vorgängerbauten Schloss
Bauherrin Gärten Kirche Wirtschaftsgebäude Sonstiges
1722-1750 1750-1758
1758-1945 nach 1945

Die Geschichte des Stengel-Schlosses ab 1750
von Stefan Schüler1
Die Vorgeschichte 1750/51
Den Neubau des heutigen Schlosses verdanken wir dem Brand des nur wenige Jahre zuvor vollendeten Barockschlosses von J. C. Schütze am 28. Juli 1750. Da Fürstin Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst (1712-1760) nur noch für eine kurze Zeit die Regierungsgeschäfte für ihren minderjährigen Sohn führen sollte, war Eile angebracht, denn sie benötigte im Falle der Amtsübergabe unbedingt einen Witwensitz. Die Mutter der zukünftigen Zarin von Russland wollte sich hierbei offensichtlich nicht in eine bescheidene Behausung abschieben lassen, wie es ihrer zweiten Schwiegertochter später erging, die als Witwe des letzten Zerbster Fürsten mit dem Schloss in Coswig vorlieb nehmen musste.

Immer wieder wird uns Johanna Elisabeth als verschwendungssüchtig beschrieben.
2 Tatsächlich hinterließ sie in Russland 60000 Rubel Schulden, die letztlich ihre Tochter (Abb. 1) beglich.3 Zieht man in Betracht, dass die Fürstin neben ihren normalen Einkünften eine jährliche Apanage von 30000 Rubeln aus Russland erhielt,4 so war sie sicherlich besser ausgestattet als viele andere Potentaten in den deutschen Kleinstaaten, aber gerade diese Zahlungen verlangten ihr natürlich auch Repräsentationspflichten ab. Vielleicht gab sie diesem Zwang nur zu gern nach, aber er war auch der Zeit geschuldet. Immerhin waren die benachbarten Kurfürsten von Sachsen auch nicht geizig und hinterließen uns eine barocke Perle, die wir noch heute als "Elbflorenz" bezeichnen, und Friedrich der Große zeigte allen Neidern, dass sein vom Siebenjährigen Krieg geschwächtes preußisches Königreich den Bau des "Neuen Palais" in Potsdam verkraftete. Wir sollten auch nicht vergessen, dass Großbauten verschiedene Künstler in das Land lockten, vielen Handwerkern Aufträge sicherten und selbst den Bauern und Tagelöhnern noch ein Auskommen über mehrere Jahre gaben. Auf diese Weise konnte der Schuldenberg eines Herrscherhauses auch zu einem wirtschaftlichen Aufschwung des ganzen Landes führen.

Johanna Elisabeth musste also den Zeichen der Zeit gehorchend schnell etwas Repräsentatives errichten lassen. Bei früheren Bauten hatten sich von Preußen und Sachsen ausgeliehene Künstler bewährt. Warum die Wahl diesmal auf den Architekten Friedrich Joachim Stengel im fernen Saarbrücken fiel, ist nicht überliefert, sicher aber war bekannt, dass er 1739 die französische Architektur vor Ort studiert und dieser neuesten Mode entsprechend gerade das Saarbrücker Schloss vollendet hatte. Die Ähnlichkeiten zwischen den Bauten von Saarbrücken und Dornburg sollten so groß werden, dass einige sie gern als "Schwesternschlösser" bezeichnen. Für Stengel selbst kam der Auftrag aus Zerbst vollkommen überraschend, er schien aber finanziell lohnend zu sein und gab ihm außerdem die Gelegenheit seinen Geburtsort wiederzusehen. In seinem eigenhändigen Lebenslauf stellt der Baumeister diesen Heimatgedanken in den Mittelpunkt.
5

Auf jeden Fall reagierte Zerbst sehr schnell, denn schon im September 1750, keine zwei Monate nach dem Schlossbrand in Dornburg, wurde Stengel der Neubau des Schlosses angetragen.
5 Wobei die Kammerherren hier zuerst wohl auf einen Wiederaufbau unter Benutzung der alten Fundamente hofften, da der noch nicht abgeschlossene Schlossbau in Zerbst erheblich den Etat des Kleinstaates belastete. Ebenfalls im September ließ man nämlich die Fundamente und Gewölbe in Dornburg mit Brettern abdecken,6 um sie über den Winter zu retten. Stengel lässt sich Risse der abgebrannten Anlage nach Saarbrücken senden und spricht im Oktober auch nur davon, die Fürstin könnte "besagtes Schloß wieder aufbauen ... laßen".7 Allerdings nennt er auch das von ihm geplante "Schlaff=Gemach mit einer Niche à lâ moderne",7 ein "Putz=Cabinet en Schwalben=nest, oder nid d’hirondelle wie es die Franzosen nennen, welches aus der Mezzanine statt eines Balcons, dienet, und in Paris jetzo grand mode ist"7 und weitere feine Sachen, die Fürstinnenherzen höher schlagen lassen. Der geplante Bau hat nur den kleinen Haken, dass er nicht in die alten Fundamente passen will.7 Außerdem scheint selbst dem Architekten dieses Projekt "einigermaßen verschwenderisch zu seyn, ich bin aber hierzu keines weges geneigt, wohl aber anzurathen, etwas Solides aufzuführen, und in deßen Betracht etwan 1000 rthlr vor erspahrung einiger Mauern nicht anzusehen, hingegen solches durch guthe Bau=oeconomie und vorbeügung aller sonst gewöhnlichen unterschleiffen wieder zu erspahren."7 Wen wundert es, dass Stengels Gutachten nach der Ankunft in Dornburg für die Fundamente äußerst negativ ausfällt. So schreibt die Fürstin im März 1751 ihren Kammerherren, dass der Architekt "die anzeige gethan daß die noch stehen gebliebene Mauern nicht Also beschaffen, daß solche, ohne gefahr des Künftigen einfals, stehen bleiben, oder beybehalten werden könten."8 Gleichzeitig unterbreitet Johanna Elisabeth der Kammer Zerbst, die den Bau finanzieren muss, das verlockende Angebot, "nur allein daß corp de logis, zu Unserer unentbehrlichen Bewohnung"8 wieder aufbauen zu lassen. Vorsichtshalber verweist sie noch darauf, dass "die Vorrechte einer Fürstlichen Witwe uns sattsahm bekandt u(nd) durch exempel in diesem Fürstlichen Hause Satsahm bestättigt" sind.8 Welcher Hofbeamte sollte da noch seiner Arbeitgeberin widersprechen? Professor Georgi Smirnov fand 2002 Baupläne für den noch heute stehenden Hauptbau in der Eremitage in St. Petersburg (siehe Stengel-Symposium 2002).

Die Baugeschichte 1751-1758
Im März 1751 kam Stengel zum ersten Mal nach Dornburg. Er überwachte die Abfahrt des Schuttes, das Graben der neuen Fundamente und überbrachte selbst die "Riße des Neüen Corps de Logis".
10 Dies dürfte ein Hinweis darauf sein, dass die o. g. Entwürfe vom Vorjahr nochmals überarbeitet wurden, außerdem lieferte Stengel eben nur Pläne für den Hauptbau. Vor seiner Abreise im Mai hinterließ der Architekt in einer "Promemoria"11 genaue Instruktionen für den Fortgang der Arbeiten, die dem Hofmaurermeister Christian August Guth aus Schönebeck übertragen wurden. Es spricht nicht gerade für diesen Fachmann, wenn Stengel der Zerbster Kammer noch einen Rat erteilt. Damit "zu seinem des Mauerm.sters Bestem sich nicht so leicht ein Fehler einschleichen möge, so könte der von mir, dem Bau Director Stengel zu der Steinhauer Arbeit an der freyhangenden Treppe mit anhero gebrachte und auf Hochfürstl. gnädigsten Befehl zurückgebliebene Steinhauer und Maurer Carl Wilhelm Christ /der diese Arbeit von Jugend auf wohl erlernet, auch in Zeichnen, Schreiben und Rechnen gute Fundamente geleget /die Schloß-Riße und eines Theiles copiret, und selbige im Kopf hat / beÿ allen Anlagen derer Maurern mit zugegen seyn und solche dem MauerMeister nach der Zeichnung mit anlegen helfen, auch übrigens auf alle und jede so wohl Mauer- als Zimmer-Arbeit mit sehen, daß nach denen Zeichnungen vermöge meiner ihme bekannten Bau-Art alles tüchtig und gut verfertiget werde und er mir von allen Vorfallenheiten wenigstens alle 14. Tage, den richtigen Rapport schriftl. abstatte".11 Schon im Jahr darauf setzte sich Stengel dafür ein, seinen Favoriten Christ zum Hofmaurermeister zu ernennen, obwohl dieser zuerst seine Meisteraufdingung nachholen musste.12 Carl Wilhelm Christ wird sich in Dornburg als der Praktiker vor Ort erweisen, der Stengels Vertrauen wahrlich verdiente. Der Baumeister selbst besuchte die Baustelle nur noch einmal und konnte sich künftig darauf beschränken, schriftliche Anweisungen aus dem fernen Saarbrücken zu geben, während der Maurer in Dornburg alle technischen Probleme meisterte, später eigene Entwürfe für Nebengebäude lieferte und oft mit der Kammer um die Bezahlung feilschen musste.13 Leider wissen wir über Christ nur wenig. Nach dem Kirchenbuch von St. Bartholomäi in Zerbst hat er dort am 8.5.1752 geheiratet. Der gleichen Quelle können wir entnehmen, dass sein Vater Kastellan in Ansbach war.

Als Stengel im März 1752 nach Dornburg zurückkehrt, sind bereits die Grundmauern bis zur Höhe der Fensterbänke im Untergeschoss gewachsen.
14 Die Betreuung des Baues erforderte jetzt vor allem genaue Planung und Organisationstalent, da Sandstein und Holz in Sachsen und Glas in Böhmen bestellt werden mussten. Gut, dass die Elbe genau vor der Haustür entlang fließt, aber Niedrig- und Hochwasser durften eben keinen Baustopp mangels Material herbeiführen. Stengel beachtete hier selbst kleinste Details. So hatte er bereits im Mai 1751 alle Türschlösser bestellt,15 obwohl man gerade erst die Fundamente grub. Alles sollte zur rechten Zeit in möglichst genauer Stückzahl vorhanden sein, um die Kosten nicht in die Höhe zu treiben und den Bau voranzubringen. Der Zimmermeister Nicolaus Mockert verbaute im Dachstuhl wohl einen "halben Wald". Als er nur 33 Balken mehr verlangte, schrieb Stengel aus Saarbrücken, dass er dem Meister schon bei seinem Aufenthalt in Dornburg erklärt habe, wie er das Holz einzusetzen hätte. Deshalb kann der Architekt "nicht einsehen, warum und weßentwegen dergleichen ohnnöthiger Holtz verwüstung ... auf das neüe vorgenommen werden wolle ... sofern nicht abermahls das Holtz wie ... schon geschehen, anjetzo ... verhauen und verpfuschet worden".16 Andererseits rät er der Kammer Zerbst aber, dem Zimmermann seine Balken zu geben, damit der Schlossbau weiter gehen kann.16 Übrigens wurde das strittige Holz zum Dach noch lange nicht benötigt, denn erst im folgenden Jahr konnte man die dritte Etage aufmauern. Die erforderlichen Schiefertafeln für das Dach wurden aber auch schon jetzt bestellt.17 Gewiss hatte Mockert bei diesem Dachstuhl keine leichte Aufgabe zu lösen. Wer die Dachkonstruktion auf dem Mittelpavillon selbst einmal sieht, bekommt ein Vorstellung davon, warum sie "hängendes Gewölbe" genannt wird. Sicherlich hat der Zimmermann sich hier nicht ohne Stolz verewigt (Abb. 5).

Im April des folgenden Jahres erhielt Carl Wilhelm Christ seine endgültige und unbefristete Bestallung als Hofmaurermeister. Wegen einer Krankheit konnte Friedrich Joachim Stengel 1753 nicht nach Dornburg reisen. Er beteiligte sich bis 1754 schriftlich am Baugeschehen, sollte sein fertiges Werk aber nie erblicken. Entsprechend der oben abgebildeten Inschrift kann das Richtfest frühestens im Jahre 1754 stattgefunden haben. Die Baurechnungen scheinen von der Kammer Zerbst äußerst genau geführt worden sein. Als Beispiel hier die Ausgabe von 21 Talern und 8 Groschen: "z. B. für Bier denjenigen Personen, so in Ermangelung eines Seigers mit der Trommel die Arbeitzeit angedeutet; für 429 Maß Broihan, so den Groß-Lübser und Dornburger Untertanen beim Richten der beiden Flügel gereicht worden; für Salbe und Aderlassen zur Kur des beim Bau verunglückten Maurers Dorand".18 Aus diesen Abrechnungen der Zerbster Kammer erfahren wir auch weitere Namen der am Schlossbau beteiligten Handwerker. So wären, neben dem schon erwähnten Carl Wilhelm Christ, die Stein- bzw. Bildhauer Christian Conrad Stutz, Johann Joseph Eyberg, Paul Anton Trebsky, Johann Gottlieb Christoph Bosmann und Johann Christian Ehrlich zu nennen. Tischlerarbeiten wurden von den Meistern Mickan, Wiede und Johann Georg Gauß ausgeführt. Der Schlossermeister Andreas Henning Braun übernahm die Metallarbeiten von den Fenster- und Türbeschlägen bis zur Herstellung der Teppen- und Fenstergatter nach Stengels Entwürfen.19 Die Arbeit des Schieferdeckers John scheint sich bis ins Jahr 1755 hinzuziehen. Als im folgenden Jahr der Figurenschmuck auf die Attika kam und Meister Höhle die Wappen vergoldet hatte, war die äußere Hülle des Schlosses fertig.18

Immer wieder wurde behauptet, dass Schloss Dornburg im Rohbau stehen geblieben sei.
vgl. 20 und 21 Eine Legende, die wohl 1894 ihren Anfang nahm, als Dr. Büttner Pfänner zu Thal schrieb, dass der Schlossbau "im Innern nur zur Hälfte fertig geworden" sei.22 Ein Brief der späteren Schlossbesitzerin Helene Hühne an Karl Lohmeyer scheint diese Aussage zu bestätigen. Wohl im Jahre 1909 schrieb sie nach Saarbrücken: "Nur einige Zimmer sind mit Stuck versehen, der aber leider im Laufe der Jahre sehr gelitten hat. Nur das Parterre und die oberen kleinren Räume sind einfach wohnlich hergerichtet gewesen; sie waren nur zeitweise bewohnt. Die erste Etage ist ganz roh."23 Der geschilderte Bauzustand ist sicherlich zutreffend aber nicht dem ursprünglichen Schlossbau anzurechnen (siehe unten). Ludwig Grote20 und Horst Dauer24 konnten Entwurfszeichnungen für Innendekorationen im Dornburger Schloss veröffentlichen. Im Landeshauptarchiv von Sachsen-Anhalt lagern unveröffentlichte Entwürfe zum Parkett, die von Stengel beschriftet sind.25 Ehrlichs Entwurf für ein Musikzimmer20 gilt seit 1945 als verschollen. Aber auch vorher sind schon Zeichnungen verschwunden, so die einem Stengel-Brief19 beigelegten Entwürfe für Balkongatter. Zu 58 Putti und Vasen auf der Attika existieren heute noch ganze 5 Bildhauerzeichnungen. Welchen seltsamen Weg haben die Dornburger Schloss-Pläne genommen bis sie unvermutet in St. Petersburg im Jahre 2002 wieder auftauchten (siehe Stengel-Symposium 2002)? Noch wichtiger als die wenigen Entwürfe sind jedoch die vergebenen und bezahlten Aufträge. So erhält Johann Christoph Bosmann insgesamt 640 Taler für 16 Zimmer in der Belétage, was dem oben zitierten Brief der Frau Hühne widerspricht, die gerade diese Etage als "ganz roh" bezeichnet hatte. Später erhält Bosmann 120 Taler für drei Plafonds in der untersten Etage.18 Dem Tischlermeister Gauß wird die "Boiserie in der Galerie der 2. Etage" bezahlt, von dieser Holztäfelung blieb uns der Entwurf erhalten.26 Wenn Schlosser Braun "40 Stück messingene englische Türschlösser"18 einbaut, müssen wir voraussetzen, dass die Türen ebenfalls fertig waren. Auch die 10 Kronleuchter aus Böhmen und die Ausstattung mit Öfen18 sprechen gegen die Theorie vom Rohbau. Warum uns im wesentlichen nur ein Treppenhaus erhalten blieb, werden wir weiter unten erfahren. Die ursprünglich 2 freihängenden Treppen wurden von Carl Wilhelm Christ errichtet, den Stengel eigens für diese Tätigkeit mit nach Dornburg gebracht hatte (Abb. 6 bis Abb. 8).

Bereits 1752 hatte unsere Bauherrin die Regierungsgeschäfte an ihren nun volljährigen Sohn Friedrich August von Anhalt-Zerbst (1734-1793) übergeben. Spätestens nach dessen Hochzeit mit Karoline von Hessen-Kassel (1732-1759) am 17.11.1753 wäre es an der Zeit gewesen, die Mutter auf ihren Witwensitz abzuschieben. Das Gut Dornburg war der Fürstin zu ihrem 40. Geburtstag (1752) übergeben worden.27 Pikanterweise hatte sie sich vorher das Schloss während der Geburtstagsfeier schon einmal "einverleibt". Vom Fest wird uns u. a. folgendes geschildert: "Zum Desert, ward die fürstliche Witthums Residenz Dorneburg mit allen Gärten und Alléen aufgesetzet, und das jetzt im Anbau seyende neue Palais, stand wie es nach dem Grundriß gnädigst approbiret worden, en Perfection auf der Tafel."27 Die Nichtfertigstellung des Dornburger Witwensitzes verhinderte wohl das Abtreten der Mutter vom Zerbster Hof. Allerdings dürfte ihr auch klar gewesen sein, dass ihr geistig unterbemittelter Sohn gar nicht in der Lage war, das Land zu regieren. Nach ihrem Tode sollte er seine Unzulänglichkeiten auf diesem Gebiet hinlänglich beweisen.vgl. 2 Trotzdem wird sich die Fürstin die "Dornburger Hintertür" für den Rückzug aus Zerbst freigehalten haben. Wie stark ihr Interesse am Dornburger Schloss war, beweisen ihre eigenhändigen Randbemerkungen in den erhaltenen Bauunterlagen. Auch die in St. Petersburg gefundenen Pläne hat sie selbst beschriftet und uns so die Zimmeraufteilung hinterlassen (siehe Stengel-Symposium 2002). Warum sollte man im Innern des Schlosses also nicht weiter bauen, wo die äußere Hülle doch vollendet war.

Die Bauherrin verfolgte genau die Fortschritte in Dornburg, besuchte mehrfach die Baustelle, legte 1755 den Grundstein zur Kirche
28 und blieb im Sommer 1757 einige Tage im Schloss. Vermutlich hatte die Fürstin niemals vor, sich mit dem corps de logis zu begnügen. Im selben Jahr erscheint ein Kupferstich (Bild 58 cm breit, 37 cm hoch) des Leipziger Künstlers Johann Christian Püschel (1718-1771), von dem die Fürstin schreibt, das Projekt würde auf einem Plan des Architekten beruhen (Abb. 2). Allerdings gibt sie zu, dass sich dieses gigantische Vorhaben während des gerade tobenden Krieges nicht umsetzen lässt.29 

Erst am 20. Mai 1758 erging der Auftrag an Johann Christoph Bosmann für den Deckenstuck des Saales in der Belétage
30 der Stuck im großen Festsaal (2. Obergeschoss) sollte nicht ausgeführt werden.30 Der Grund für diese Entscheidung der Kammer lag zweifellos in der Flucht der Bauherrin zwei Monate zuvor. Nachdem sie und ihr Sohn seit November 1757 dem Marquis Jean Jaques Gilbert de Fraigne Unterkunft gewährt hatten, musste Friedrich II. von Preußen handeln, denn der französische Gast hatte u. a. die Aufgabe, Preußens Hauptfestung Magdeburg auszuspionieren. Immerhin stand man mitten im Krieg, den wir heute den "Siebenjährigen" nennen. Eigentlich hatte Anhalt sich zur Neutralität verpflichtet, wovon nach der Aufdeckung dieses Spionagefalls keine Rede mehr sein konnte. Johanna Elisabeth hatte durch ihr Taktieren dem preußischen König einen fabelhaften Anlass zur Besetzung des Gebietes gegeben. Ihr Sohn Friedrich August kehrte bald nach Zerbst zurück, konnte das Wüten des preußischen Königs nicht verhindern und verließ daraufhin sein Ländchen für immer. Die Bauherrin blieb in Paris, was sich wohl nicht allein mit der Furcht vor Friedrich dem Großen erklären lässt. Nach ihrem Schuldenberg zu urteilen, muss das Leben in Frankreichs Hauptstadt doch süßer gewesen sein als eine Bleibe im Witwensitz Dornburg. Letztendlich hat Johanna Elisabeths Politik zu dem Geldmangel geführt, der alle Baumaßnahmen an ihrem Witwensitz zum Erliegen kommen ließ. Spätestens ihr Tod 1760 machte den weiteren Innenausbau überflüssig. Bei den 235 Talern, die "dem Bildhauer Bosmann für verschiedene ehedem verfertigte Arbeit zu den fürstl. Zimmern, den 27. Novbr. 1762 vergnüget" wurden,18 dürfte es sich um Altschulden handeln. Die Frage, ob das Schloss im Innern restlos vollendet war oder nicht, halten wir aber für zweitrangig. Der Ausbau war jedenfalls so weit vorangeschritten, dass die Fürstin es bewohnen konnte. Die Fertigstellung des Festsaales im Mittelpavillon konnte sie in der Arbeitsabfolge an den Schluss stellen, solange das Zerbster Schloss ihr noch für alle Feiern zur Verfügung stand.

Für die Bewohnbarkeit des Schlosses spricht ein Inventarverzeichnis, das 1796 (also nach 38 Jahren Leerstand) erstellt wurde, nachdem einige Stücke bereits nach Coswig und Zerbst abtransportiert waren.
31 Es umfasst etwa 40 Folio-Seiten (etwas größer als DIN A4) und zählt u. a. folgendes auf:
14 Seiten an "Betten und Leinen Geräthe", davon mehrere Stücke mit dem Monogramm der Fürstin "JE"
2 Seiten Porzellan und Steingut aus Japan, Dresden (Meißen), Delft, Zerbst und Loburg
3 Seiten Glaswaren, z. B. 21 Spiegel und 115 Pokale, Wein- und Biergläser
5 englische Wanduhren
8 Seiten mit Möbeln, darunter 11 Komoden, 6 Canapées, 22 Sessel, 2 Sofas, fast 130 Stühle und 20 Hocker, 64 Tische
8 Seiten vor allem mit Küchengeräten aus Zinn, Kupfer, Messing und Eisen
29
Leider erfahren wir nichts über Gemälde, was daran liegen könnte, dass man hier (wie 1739 geschehen) ein extra Verzeichnis anlegte, das uns nicht überliefert ist. Für die fürstliche Bibliothek, "welche sich auf der Pfarre daselbst befindet und welche vom jedesmaligen Prediger in Beschluß gehalten wird", wurde ebenfalls eine eigene Liste erstellt, die 230 Bücher umfasst.
32 Erstaunlich, wie viel alte Stücke die wenigen Dornburger Untertanen 1750 aus dem brennenden Schloss retten konnten. Im Zerbster Schloss wurden 1795 noch vier (!) Räume als Lager für Sachen genutzt, "welche von Dornburg bei dem Brande herüber geschafft worden sind."33 Eine Einlagerung des geretteten Gutes in Dornburg bis zur Fertigstellung des neuen Schlosses wäre problematisch gewesen, da nur der Kirchflügel den Brand mit Zerstörungen überstand. Dieser war teilweise bewohnt und musste der Gemeinde als Gotteshaus dienen. Zumindest der größte Teil des aufgezählten Inventars muss für den Schlossneubau nach Dornburg gekommen sein, um diesen zu nutzen. 

Abb. 1: Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst -Dornburg, die spätere Zarin Katharina II (die Große) ist hier als Großfürstin dargestellt.9

Abb. 2: Idealansicht von Schloss Dornburg. Kupferstich von Johann Christian Püschel, erschienen 17579.

Abb. 3: Portrait der Fürstin Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst.
Kupferstich von Johann Martin Bernigeroth nach einem Gemälde von Anna Rosina Matthieu geb. Lisiewska
9.

Abb. 4: Ausschnitt aus Abb. 3 mit dem Schloss Dornburg.

Abb. 5: Balkeninschrift am "hängenden Gewölbe" des Mittelpavillons. Wegen der schlechten Lichtverhältnisse (oder meiner billigen Fotoausstattung) musste ich (S. Schüler) die Schrift etwas nachbessern.

Abb. 6: Das südliche Treppenhaus ist der einzige (fast) original erhaltene Raum im Schloss.
Abb. 7: Deckenstuck von Bosmann im südlichen Treppenhaus

Abb. 8: Blick ins südliche Treppenhaus.

weiter

Quellen und Anmerkungen
  1. Ich danke Oranna Dimmig (Berlin), Erhard Micklisch † (Dornburg) und Dirk Herrmann (Zerbst) für Materialien und Hinweise.
  2. Reinhold Specht: "Geschichte der Stadt Zerbst in 2 Bänden, herausgegeben von der Stadt Zerbst anläßlich der 1050 Jahrfeier", Band 2 Anhaltische Verlagsgesellschaft mbH, Verlagsbuchhandlung Friedrich Gast Zerbst - Dessau, 1998
  3. Katharina II.: "Memoiren, erster Band", Insel Verlag Anton Kippenberg – Leipzig, 1986, Seite 82
  4. Ferdinand Siebigk (Geh. Archivrat): "Katharina der Zweiten Brautreise nach Rußland 1744 – 1745" – Dessau, 1873, Seite 123. Ich bedanke mich bei den Mitarbeiterinnen der Francisceumsbibliothek in Zerbst, Frau Volger und Frau Völger, für die freundliche und schnelle Bereitstellung verschiedener historischer Schriften.
  5. F. J. Stengels eigenhändiger Lebenslauf, 1763/1780, veröffentlicht im Katalog des Saarlandmuseums Saarbrücken zum 300. Geburtstag F. J. M. Stengels - Saarbrücken, 1994
  6. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 1523, Folio 20
  7. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 2367/1, Folio 1
  8. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 2367/1, Folio 7
  9. Samuel Lentz: Becmannus enucleatus, suppletus et continatus oder Historisch-Genealogische Fürstellung des Hochfürstlichen Hauses Anhalt ... - Cöthen und Dessau, 1757
  10. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 2367/1, Folio 8
  11. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 1523, Folio 102 und 103
  12. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 1509, Folio 33 und 34
  13. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 724, Folio 7 und 8
  14. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 1509, Folio 31 und 32
  15. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 1523, Folio 104
  16. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 1509, Folio 95
  17. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 1509, Folio 121
  18. Baurechnungen für den Dornburger Schlossbau veröffentlicht in: Alt – Zerbst, Mitteilungen aus der Geschichte von Zerbst und Ankuhn und dem ehemaligen Fürstentum Zerbst, Organ des Zerbster Geschichtsvereins, Nr. 6-10, 1928
  19. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 1509, Folio 136
  20. Ludwig Grote: Das Land Anhalt. Aufgenommen von der Staatlichen Bildstelle-Berlin, 1929 (Deutsche Lande — Deutsche Kunst)
  21. Karl Lohmeyer: Friedrich Joachim Stengel, fürstäbtlich fuldischer Ingenieur, Hofarchitekt ..., Druck und Verlag von L. Schwann,  Düsseldorf, 1911
  22. Büttner Pfaenner zu Thal, F. F.: Anhalts Bau- und Kunstdenkmäler-Dessau 1894
  23. Stadtarchiv Saarbrücken, Bestand Nachlass Lohmeyer, Nr. 16, Blatt 68 - 69
  24. Horst Dauer: Schloßbaukunst des Barock von Anhalt-Zerbst, Böhlau Verlag - Köln, Weimar und Wien, 1999
  25. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 1509, Folio 29
  26. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 1510, Folio 98
  27. Johann Dietrich Hauptmann: Entwurf derer Festivitéten welche wegen des am 24. Weinmonats des 1752. Jahres glücklich eingefallenen hohen Gebuhrtsfestes der Durchlauchtigsten Fürstinn und Frau FRAU Johannen Elisabeth ... -Zerbst, 1752. Im Besitz der Francisceumsbibliothek in Zerbst.
  28. Brief der Fürstin Johanna Elisabeth an Sophie Charlotte von Bentinck vom 30.7.1755 im Gelders Archief (Niederlande), 0613 Familie (Van Aldenburg) Bentinck, 272 , Nr. 180.
  29. Brief der Fürstin Johanna Elisabeth an Sophie Charlotte von Bentinck vom 21.7.1757 im Gelders Archief (Niederlande), 0613 Familie (Van Aldenburg) Bentinck, 274 , Nr. 138.
  30. LHASA, DE, Kammer Zerbst Nr. 2367, Folio 177 Vorder- und Rückseite
  31. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 6987, Folio 2 – 23
  32. LHASA, DE, Kammer Zerbst, Nr. 6987, Folio 24 -32
  33. LHASA, DE, Abt. Dessau, B2o, Nr. 41, Folio 65 Vorderseite bis 72 Vorderseite.