Schloss Dornburg an der Elbe
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Karin Michaelis (1872-1950)
von Stefan Schüler

Die dänische Schriftstellerin Karin Michaelis besuchte Dornburg 1929. Durch einen Artikel in der "Leipziger Illustrierten Zeitung" (30. August 1928) hatte sie vom fortschreitenden Verfall des Schlosses erfahren und wollte eine größere Aufmerksamkeit für das Baudenkmal erzeugen. In den 1930er Jahren zählten ihre Bibi-Bücher zur beliebtesten Literatur in den Kinderzimmern. Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland fanden immer wieder Emigranten bei der damals sehr bekannten dänischen Autorin eine erste Zuflucht (u. a. Helene Weigel und Bertold Brecht). Wegen des politischen und sozialen Engagements der Schriftstellerin verboten die Nazis 1939 ihre Bücher.

Im 1929 erschienen zweiten Band, "Bibis große Reise", beschrieb Bibi dem Vater in ihren Briefen verschiedene Orte, u. a. Dornburg.

Hier eine Leseprobe aus
Karin Michaelis "Bibis Große Reise"
Mit vier farbigen Bildern und über hundert Zeichnungen von Hedvig Collin und Bibi
Herbert Stuffer Verlag - Berlin, 1932, Seite 282-291



Dornburg

Lieber Paps.

Mein Zimmer ist so groß wie ein Wartesaal dritter Klasse. Dornburg ist überhaupt viel größer als Klinteborg und es sind zweihundertzwanzig riesig große Fenster außer all den kleinen, und ich sage, gottseidank daß Jensine nicht jeden Sonnabend 3747 Scheiben putzen muß, denn sonst würde sie ganz bestimmt sofort kündigen, nicht? Aber ich finde doch, daß Klinteborg hübscher ist, weil es mitten in einem See liegt und weil wir Türme haben. Aber hier stehen oben auf dem Dach eine ganze Menge Marmorengel aus Sandstein, immer zwei und zwei und sie halten sich fest, weil sie Angst haben hinunterzupurtzeln, und manchmal verlieren sie einen Arm oder ein Bein und wer gerade drunter steht und es auf den Kopf kriegt, ist mausetot. Wir haben ausgemacht, daß Ulla bei mir Gutsinspektor sein soll und ich Gutsinspektor bei ihr, damit jede die Wirtschaft von der anderen kennenlernt. Eine glänzende Idee, was?
Hier gibt es tausend Schafe und der Mann, der die Schafe spazieren fuhrt heißt Schäfer und das vererbt sich immer vom Vater auf den Sohn. Aber es kann nicht schwer sein, Schäfer zu werden, denn er führt nur die Schafe in einer großen Herde hinaus und dann steht er einfach da, während die Schafe grasen. Sein Hund ist wie ein Kindermädchen und paßt auf die Schafe auf, und wenn sie etwas tun, was sie nicht dürfen, dann zwickt der Schäferhund sie ein bißchen am Schwanz, aber nicht so arg, und dann, wenn die Schafe alles Gras gegessen haben, geht der Schäfer ein Stückchen weiter und bleibt dann wieder stehen und stützt sich auf seinen Stock. Aber die kleinen Lämmlein vertragen es noch nicht, auf die Weide zu gehen. Sie bleiben den Tag in ihrem Haus, das ist eine riesig große Scheune mit so viel Stroh auf dem Fußboden, daß ich meine eigenen Füße nicht finden kann, wenn ich drin steh. Und an den heißen Tagen liegen die Lämmlein alle ganz dicht an der Mauer, denn da ist es am kühlsten. Aber wenn das Wetter umschlägt, dann fängt zuerst ein Lämmlein an herumzutraben, und dann noch eins und noch ein paar und zuletzt traben sie alle mit einander herum. Schneller und immer schneller. Denn sie haben ein Barometer in sich drin, genau wie das Hühnerauge von Dienstmann Svendsen, das den Regen vierundzwanzig Stunden vorher riechen kann.
Nachmittags wenn der Schäfer mit den Schafen nach Haus kommt, sieht man nur eine dichte, dichte Staubwolke, in der sie herumwahten und das find ich schade, denn davon kriegen sie Husten, und wenn sie in der Nähe von der Schäferei sind, fangen die Schafe alle auf einmal zu blöken an, und die Lämmlein blöken auch alle, weil sie Durst haben, die ärmsten. Und wenn ich zu ihnen hineingehe, dann saugen sie an meinen Armen und Beinen, denn sie glauben, daß sie mich trinken können. Aber wenn der Schäfer die Tür aufmacht, dann solltest du mal sehen wie sie über einander wegspringen, und nach einer Sikunde hat jedes Schaf sein Lämmlein gefunden und jedes Lämmlein seine Mutter, und dann liegen die Schafe alle ganz still wie in einer Kirche, und man hört nur die Lämmlein lutschen und schmatzen. Das klingt so lieb und hübsch. Die Widder hab ich auch ganz gern, aber sie sind nicht so nett im Gesicht. Denn sie haben soviel Runzeln und sehen so bockig aus.
Wir essen in der großen Halle und da hängen fast dreihundert Hirschgeweihe und Rehhörner, die Ullas Großvater selber geschoßen hat, aber zum Glück kann Ulla die Jagerei nicht ausstehen, und Gott sei Dank soll gerade sie Domburg erben. Ali sagt, daß die Tiere keine Seele haben, aber das ist gelogen und da hab ich ihr aus Versehen eine Ohrfeige gegeben, aber nachher hab ich ihr gesagt, daß sie mir zwei wiedergeben darf weil ich angefangen hab, und jetzt sind wir wieder gut Freund. Ulla will ni heiraten, denn dazu hat man keine Zeitt, wenn man ein großes Gut hat und wenn man es selber führen will. Aber Ali will eine ganze Masse Männer heiraten, einen nach dem ändern, bis sie den allerbesten gefunden hat. Und sie will Schauspilerien und Sängerien werden, aber zuerst muß man ihr die Polypen herausschneiden, denn sonst näselt man am Tag und schnarcht in der Nacht. Aber ich, ich werd mich schwer hüten, Schauspilerien zu werden, da muß man immer geschminkt sein und auf Kommando weinen und jeden Augenblick sterben, nur weil es im Stück steht. Hier sind zwei Treppenhäuser mit steinernen Stuhfen und mit Spitzengeländer wie an der Brücke in Klinteborg und beide Treppen haben 159 Stuhfen. Ulla steht unten als Schiedsrichter und Ali und ich probieren, wer am schnellsten die eine Treppe rauf und die andere runterkommt. Aber auf dem Geländer rutschen dürfen wir nicht, denn dabei kann man sich leicht das Genick brechen. Und Ulla und ich tauschen vielleicht übers Kreutz, so daß sie Klinteborg kriegt und ich Dornburg, denn dann brauch ich mich nur ins Boot zu setzen, wenn ich nach Hamburg hinunter oder nach Dresden hinauf fahren will. Auf der Elbe nämlich. Dornburg ist auch ein historisches Schoß, so nennt man das, denn als Katharina die Große sich im Winter bei ihren Eltern in Zerbst tot gelangweilt hat, war sie im Sommer hier, und einmal als sie fast die Treppe in der Gartenmauer hinuntergefallen ist, griff sie vor sich hin und die Abdrücke von ihren Fingern sind noch alle in der Mauer zu sehen. Was für eine scheußlich grose Hand die gehabt hat! Zuerst ist sie hier bloß Prinzessin gewesen, aber dann wollte sie plötzlich Kaiserin von Rußland werden und da hat sie sich mit diesem schrecklichen Peter verheiratet. Und dann hat sie sich so nach Dornburg gesehnt. Aber damals hat es ja noch keine Eisenbahnen gegeben, stell dir vor, Paps, keine Eisenbahnen! und sie hat nicht einfach in den großen Ferien nach Haus fahren können.
Wir stehen jeden Morgen um sechs auf. Außer Margarete, denn die ist ein Siebenschläfer. Und dann steht der Vater von Ulla und Ali vorn auf der steinernen Treppe und der alte Pole läutet die Glocke, die an einem der Taubentürme hängt. Und auf einen Schlag sausen alle Tauben raus und alle Tore gehen auf und raus kommen Pferde und Knechte und Frauen und Hunde und alles mögliche. Hier hat man mehr Frauen als Männer für die Feldarbeit und sie gehen immer drei und drei. Ob sie nun Rüben jäten oder Wasser schleppen oder Getreide holen, immer gehen sie zu dritt. Es gefällt mir gut, daß hier die Wirtschaftsgebäude so liegen, daß man sie sehen kann. Wenn man das bloß auch auf Klinteborg machen könnte! Aber weißt du, was ich am allerulkigsten finde? es regnet durch alle Stockwerke durch! Zuerst durch das Dach auf den Boden, der ganz voll ist von Fledermäusen und Habichten und Mardern und Eulen und Mäusen, und dann regnet es in den Rittersaal und von dort in das nächste Stockwerk bis dahin, wo wir wohnen. Denn es wird nur das unterste Stoffwerk benuzt, das hat zwanzig riesengroße Säle. Aber oben, in den nächsten zwanzig Sälen, gibt es eine Unmenge von Möbeln und Spiegeln und Kronleuchtern und Puppenstuben und Puppen so groß wie lebendige Kinder, und Schränke voll von Krystall und Porzelahn, aber alles in einem Kuddelmuddel. Wenn Ulla und Ali Geburtstag haben, dann werden alle Kinder aus dem Dorf zu Schokolade und Räuber und Schandarm im ganzen Schloß eingeladen. Aber wenn ich nun mit Ulla tausche, dann will ich alle Zimmer, im ersten Stock und da wo der Rittersaal ist, für die Waldenburger Kinder herrichten. Aber nächste Woche soll ich nach Berlin, denn dann holt mich Otto ab! Ist das nicht nett von Großvater? Er hat Otto Geld gegeben damit er zu diesem berümten Doktor Wiser mit den kurzsichtigen Brillen gehen kann, du weißt schon, und dann sollen Otto und ich zusammen nach Klinteborg fahren. Und sobald du wieder zu Hause bist fahren wir zu dir hinüber und dann werd ich dich nie wieder fortlassen. Oder ich binde dir eine Kette um das Handgelenk, damit ich dich wieder zurückziehen kann, wenn du mir das nächste Mahl ausreißt.
Ich glaube daß nicht einmal Mama dich mehr lieb gehabt hat als ich. Und wie kannst du es dann übers Herz bringen, so lange wegzubleiben. Ich finde, du mußt dich eewig schämen.

Deine Bibi.



Karin Michaelis in Wikipedia (externer Link)

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